Von: Carsten Haider (Carsten Haider (BUND Velbert e.V., Vorstand)

Gesendet: Donnerstag, 22. Oktober 2020 2:22
An: Lukrafka, Dirk (CDU, Bürgermeister); Schneider, Karsten (CDU, Fraktionsvorsitzender); Kanschat, Esther (Bündnis 90/Die Grünen, Fraktionsvorsitzende); Hübinger, Rainer, (SPD, Fraktionsvorsitzender); Hilgers, Thorsten (FDP, Fraktionsvorsitzender); aus dem Siepen, Dirk (UVB, Fraktionsvorsitzender); Gohr, Harry (Die Linke, Fraktionsvorsitzender); Schwarz, Martin (Die Piratenpartei, Fraktionsvorsitzender); Tonscheid, August (Velbert anders, Fraktionsvorsitzender)
Cc: Naturschutz ME Liste; WAZ, Redaktion_Velbert; SuperTipp; WVW Redaktion Stadtanzeiger-Velbert; Radio Neandertal
Betreff: Großangelegte Baumfällungen im Stadtgebiet! Eilt! Offener Brief
Wichtigkeit: Hoch


Sehr geehrter Herr Wieneck, sehr geehrter Herr Lukrafka,

da der BUND Velbert an den Bürgermeister der Stadt Velbert geschrieben hat, aber Herr Wieneck geantwortet hat, gehen wir davon aus, dass er als Ihr Sprachrohr fungiert, Herr Lukrafka.

Wir danken für Ihre Stellungnahme zu den TBV-Baumfällungen.
Wir teilen Ihre Einschätzung des Gesundheitszustandes der städtischen Wälder, diese Problematik haben wir schließlich in unserem Brief bereits ausgeführt.
Hierauf beschränken sich aber die Übereinstimmungen.
Wir widersprechen ihren Darstellungen ausdrücklich in folgenden Punkten:

 

Die Fällung von Bäumen in den vergangenen beiden Jahren war und ist zum Schutze der Bürger und der Aufrechterhaltung der Sicherheit in den Wäldern unbedingt erforderlich. Gefällt werden in den Waldrandlagen die nicht mehr standsicheren Bäume mit hohem Gefahrenpotential.

 

Insbesondere finden gegenwärtig im Offerbusch zum wiederholten Male notwendige Gefahrenbaumentnahmen statt. Dies geschieht in der Randlage zur Bebauung, zum Ehrenmal sowie zur Schulwegsicherung und auf Grund des hohen Aufkommens von Naherholungssuchenden.

Selbst nach den Baumentnahmen verblieben tote Bäume sogar direkt neben den Wegen (siehe Foto) während benachbarte vitale Bäume gefällt wurden. Ihr Argument der Wegesicherung wird dadurch ad absurdum geführt. Desweiteren weisen wir darauf hin, dass mit den Forstmaschinen, wie sie im Herminghauspark Verwendung fanden, ohne Weiteres Pflegeschnitte, Entlastungsschnitte oder auch Hochentastungen bei Problembäumen hätten durchgeführt werden können, wie es normalerweise praktiziert wird. Das Fällen von Bäumen sollte also nur in Ausnahmefällen als letzte Möglichkeit ins Auge gefasst werden. Die vielen intakten Baumquerschnitte an den Wurzelstöcken dokumentieren dies!

Ein Großteil der Bäume – zumal im Innenbereich vom Baumbestand – hätte so erhalten werden können. Aber das scheint man bei der Forstabteilung der TBV nicht in Erwägung zu ziehen. Auch das übliche Stehenlassen von Baumtorsos scheint nicht bekannt – oder sollte man besser sagen beliebt – zu sein. Die Auswirkungen werden nun ja unmissverständlich sichtbar. Trotzdem wird behauptet:

 Ein Kahlschlag findet nicht statt!

Diese Behauptung ist besonders vor dem Hintergrund als geradezu sarkastisch zu bewerten, dass am nächsten Tag neben den bereits baumfreien Entnahmeflächen auch die  Bäume auf Nachbarflächen gefällt wurden. Und dies wurde auch noch überboten, in dem auch der Kahlschlag auf Flächen im Herminghauspark erfolgte – und zwar noch im Nachgang auf Ihr Schreiben. Wir können also diese Bemerkung nur so werten, dass die TBV der Meinung ist, dass es sich nicht um Kahlschlag handelt, solange noch einige wenige Bäume im gesamten Kommunalwald Velberts verbleiben – was an Sarkasmus kaum zu überbieten ist. Unsere Feststellung, dass Kahlschläge auf Teilflächen durchgeführt wurden trifft leider zu.
Und zusätzlich wird von Ihnen folgendes angeführt:

Die weitere Behauptung, die Forst-Wirtschaftswege überschreiten deutlich die notwendige Breite, ohne dass es notwendig sei, ist ebenfalls falsch. Richtig ist, dass davon auszugehen ist, dass sich mit der Klimaerwärmung die Gefahr von Waldbränden erhöht. Hierfür ist eine schnelle Erreichbarkeit und ein gut ausgebautes Wegenetz für Rettungs- und Feuerwehreinsätze erforderlich. Die Dimensionierung bemisst sich nach den Richtlinien für den forstlichen Wegebau NRW. In Zusammenarbeit mit der örtlichen Feuerwehr sind die befahrbaren Wege überprüft worden.

 

Es steht jedoch folgendes in diesen erwähnten Richtlinien: Die notwendigen Fahrbahnbreiten sind für Hauptwege bis zu 4,0 m, für Zubringerwege mind. 3,0 m. Die in Velberter Wäldern vorzufindenden Forstwege überschreiten diese Maße größtenteils erheblich. An den hier angefügten Ausschnitt aus der von Ihnen zitierten Richtlinie haben sich die TBV jedenfalls nicht gehalten. Es ist also nicht notwendig – und für den Wald sehr nachteilig – solche breiten Wegen zu bauen. Aus diesem Grund existieren schließlich auch derartige Richtlinien.

Aus: Richtlinien für den forstlichen Wegebau NRW 4.2.2
 
Fahrbahnbreite 

Die Fahrbahnbreite richtet sich nach der Breite der im öffentlichen Straßenverkehr zugelassenen Fahrzeuge. Für die Verkehrssicherheit sollte beiderseits ein Sicherheitsstreifen vorhanden sein. Daraus ergeben sich für Hauptwegebefestigte Fahrbahnbreiten bis zu 4,0 m. Einschließlich der Breite der Seitenstreifen (Bankette) beträgt die Kronenbreite wenigstens 5,0 m. Für Zubringerwege sollte die befestigte Fahrbahnbreite mindestens 3,0 m und die Kronenbreite 4,0 m betragen.
Die Fahrbahn ist bei Radien unter 40 m zu verbreitern. Bei Kehren sind die Kurvenverbreiterungen jeweils zur Hälfte außen und innen anzubringen.
Weiterhin behaupten Sie:

 

Die Trockenheit und ihre Folgen haben uns mit ungeahnter Schnelligkeit und Dynamik mitteleuropaweit getroffen. Unabhängig von den forstlichen Besitzarten – egal ob Staat, Kommune oder Privat – und unabhängig der forstlichen Bewirtschaftungsweise – ob in den Buchen-Nationalparken, in daneben liegenden bewirtschafteten Wäldern oder in Erholungswäldern – werden exakt die gleichen Phänomene beobachtet. Auch in Velberts Wäldern sind überall diese starken Vitalitätsverluste erkennbar, sehr deutlich auf den Kuppen. Sorge bereiten die toten und absterbenden Bäume, da sie auch eine große Gefahr darstellen, da sie nicht stabil und verkehrssicher sind.

 

Die TBV haben veranlasst, dass die relevanten Bereiche in den städtischen Wäldern und Grünanlagen regelmäßig geprüft werden. Die Kontrollen erfolgen durch zertifizierte Baumkontrolleure, die entsprechend geschult und geprüft wurden.

Es mag wohl stimmen, dass die Vitalitätsverluste als Auswirkung des Klimawandels in den meisten Wäldern zu sehen sind, jedoch ist die Ausprägung der Schäden in stark durchforsteten Wäldern wie den Kommunalwäldern Velberts mit zahlreichen Forstwegen erheblich größer, als in naturnah belassenen Wäldern, die sich eher ungestört entwickeln können. Leider ist Letzteres den kommunalen Velberter Wäldern nicht vergönnt. Ihre Sorge um die mangelnde Standsicherheit kranker Bäume lässt sich nicht nachvollziehen, wenn man betrachtet, wie im Langenhorster Wald tote Ahornbäume über viele Monate bzw. Jahre direkt neben den Wanderwegen einfach stehen blieben. Sie wurden noch nicht einmal zur Verkehrssicherung entkront. Stattdessen wurden aber vitale Bäume direkt daneben gefällt.

Auch nach den jetzt massiven Fällungen ist zu erkennen, dass stark vitalitätseingeschränkte Bäume direkt am Weg stehen bleiben „dürfen“, während direkt daneben ein vitaler, ökologisch besonders wertvoller sogenannter Habitat-Höhlenbaum gefällt wurde. Hier die Fotos dazu:
Trotz dieser Vorgehensweise wird aber von Ihnen, Herr Wieneck, behauptet:

 

Der Offerbusch hat durch das Orkantief Kyril 2007 und weiteren Stürme viele Buchen verloren, im Nordosten hat sich daraufhin flächig eine Naturverjüngung mit vielen Mischbaumarten eingestellt, die sich jetzt als Dickung darstellt.

 

Ziel für den Offerbusch ist wie für den gesamten Kommunalwald auf Grundlage eines Waldgutachtens der Erhalt des Waldes und der Aufbau eines struktur- und artenreichen stabilen Mischwalds, mit der Option und der Hoffnung für die ankommende neue Waldgeneration dem künftigen Klima Stand zu halten. Seine Multifunktion bleibt gewahrt.“

Hierzu möchten wir klarstellen:
Wir beziehen uns mit unserem offenen Brief auf die aktuellen Fällungen und Kahlschläge. Naturverjüngungen an anderer Stelle oder Nachpflanzungen stehen hier nicht im Focus. Wissenschaftlich erwiesen ist, dass auch heimische Baumarten dem Klimawandel durchaus gewachsen sind, wenn man die Bestände in Ruhe wachsen lässt. Erhalt von Totholzbäumen, insofern sie keine Gefahr für einen benachbarten Wanderweg darstellen, gehören mit zur Förderung eines vitalen Waldes und stellen waldtypische Gefahren dar. Baumentnahmen, wie sie seit Jahren in Velberter Wäldern praktiziert werden, schwächen aber den Bestand. Bitte teilen Sie ihrem Stadtförster mit, dass es für im Wald stehengelassene Totholz-Bäume monetäre Fördermittel gibt, die beantragt werden können.

Darüberhinaus sind wir aber an dem von Ihnen genannten Waldgutachten sehr interessiert und bitten um dessen Zusendung. Wir sind sehr gespannt, wie sich derart massive Baumfällungen, wie sie in Velbert stattfinden, mit dem von Ihnen genannten Ziel  „Erhalt des Waldes“ vereinbaren lassen.
Rückfragen ergeben sich für uns nur insofern an Sie, warum die TBV sich nicht an das einstimmig verabschiedete Klimaschutzkonzept der Stadt Velbert hält – und den Velberter Wäldern einen Todesstoß nach dem anderen verpasst – anstatt wie im Klimaschutzkonzept festgehalten, alles tut, um den Baumbestand zu erhalten bzw. zu vergrößern. Zu diesem Punkt äußern Sie sich leider nicht, was wir als Eingeständnis interpretieren!
Es entsteht der Eindruck, als bestünden anderweitig wirtschaftliche Interessen – oder Verpflichtungen – so dass vitale Bäume fallen müssen und der Velberter Bevölkerung der in vielerlei Hinsicht dringend benötigte Stadt- und Erholungswald genommen wird. Wir bitten hierzu um Aufklärung.
Wir bitten Sie dafür zu sorgen, dass die Baumfällungen SOFORT gestoppt werden, um die restlichen Waldflächen vor weiterem Schaden zu bewahren. 
Sehr geehrter Herr Lukrafka, auch wenn Sie hier nur indirekt über Herrn Wieneck antworten, richtet sich unser Appell in erster Linie an Sie. Bitte erhalten Sie den Velbertern ihre Wälder. Die hiesigen alten Buchenwälder sind unwiederbringlich und müssen erhalten werden, solange es möglich ist.
Mit freundlichen Grüßen

BUND Velbert

Carsten Haider 

Dipl.-Ing.(FH)
Vorstand BUND-Velbert